Verbrecherkinder

Viel schlimmer ist in meiner Seele aber die Erinnerung an jene Untat eingebrannt, die mir ebenfalls bei dieser Zeitungsnotiz einfiel, über die ich gerade geschrieben habe. Den Blog sollten Sie zuerst lesen sollten.

Nicht nur, dass ich auch ein eingesperrtes Kind war, ich habe auch einen Erpresserbrief geschrieben. Zu dieser vernichtenden Wahrheit zu stehen, fällt mir noch heute schwer.

Wie dieser arme Junge hatte ich gerade Schreiben gelernt. Wie immer spielten wir im Hof. Aber diesmal hat Ingrid nicht mitgespielt. Ich weiß nicht mehr warum, jedenfalls hat uns das geärgert. Weil dann unsere Bande, die „Schwarze Hand“ nicht vollständig war.

Also haben Klausi, Reinhold und ich einen teuflischen Plan ausgeheckt. Wir haben einen Erpresserbrief geschrieben:

Erpresserbnrief

Erpresserbrief

„Legen Sie 5 Mark unter die Mülltonne. Sonst sehen Sie Ihre Tochter nicht mehr wieder“
Unterschrift: Kommissar Gerdes

Den Zettel haben wir bei ihrer Familie in den Briefkasten geschmissen. Hinterher haben wir verzweifelt versucht, ihn wieder rauszubekommen, aber wir haben es nicht geschafft.

Ich kann Ihnen sagen: wir haben höllische Angst gehabt, dass die Polizei kommt. Beruhigt haben wir uns nur damit, dass die sicher nicht rauskriegen, dass wir das waren.

Trotzdem haben wir natürlich auch immer unter die Mülltonne geguckt, ob da Geld für uns liegt, aber die wollten anscheinend für ihre Tochter kein Lösegeld bezahlen. Wahrscheinlich, weil sie ja zuhause war und mit ihrem blöden Puppenhaus spielte.

Richtig schlimm wurde es für mich aber, als ich am nächsten Tag einen Häuserblock weiter eine furchtbare Entdekung machte. Da sah ich ein Schild am Haus:

Zahnarzt Gerdes

Mir ist sofort der Angstschweiß ausgebrochen. Klausi hatte uns überredet, den Erpresserbrief mit „Kommisar Gerdes“ zu unterschreiben. Ich wusste zwar nicht, wieso ein Kommisar einen Erpresserbrief unterschreiben sollte, aber Klausi durfte öfters Fernseh gucken und wusste, dass es einen Kommisar Gerdes gab. Na gut.

Aber jetzt wohnte hier wirklich ein lebendiger Mensch, der Gerdes hieß. Der würde bestimmt verhaftet werden und dann käme alles raus.

Ich rannte zurück, klingelte bei Klausi und sagte ihm, dass wir alles gestehen müssten. Er wollte aber nicht und allein hab ich mich nicht getraut.

Merkwürdigerweise ist unsere Untat nie ans Tageslicht gekommen. Aber sie sehen, sie quält mich heute noch.

2 Kommentare

  1. Mit dem Verlust der Privatbeichte hat die evangelische Kirche doch ein Wesentliches verloren. Denn die erlaubte es dem Delinquenten, seine Tat wenigstens einmal vor einem Menschen auszusprechen.

    Die oben geschilderte schwere Straftat ist aber mittlerweile verjährt, zudem dürften die Delinquenten damals noch strafunmündig gewesen sein. Da außerdem tätige Reue erkennbar ist, kann hier reinen Herzens „ego te absolvo“ ausgesprochen werden.

    Es gibt aber dem Vater in mir auch zu denken, wie ein solcher Lausbubenstreich das Gewissen eines Menschen auf lange Jahre belasten kann. Konntest du Ingrid und ihren Eltern nachher wieder in die Augen schauen?

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