Geschichte meines Lesens II

Was Loco_just_Loco über seine Lesensgeschichte erzählt hat,
ließ mich manchmal laut auflachen, weil ich mich sehr darin wiederfand. Manches hatte ich bei meiner Geschichte vergessen, manches nur angedeutet.

Nur angedeutet
habe ich das „Alles Lesen“. Ja, lieber Loco, ich habe auch alles gelesen und noch heute ertappe ich mich dabei. Ja, ich habe auch schon das Telefonbuch gelesen. Und sobald ich lesen konnte, las ich jedes Reklameschildchen in unserer Umgebung.

Ich weiß noch, wie ich meine Mutter in Verlegenheit brachte mit der mitgebrachten Erkenntnis: „Camelia schenkt allen Frauen Sicherheit und Selbstvertrauen“. Ich wusste zwar nicht, wer diese Camelia ist, aber das hing bei Herrn Stenger im Schaufenster der Drogerie gegenüber. Und ich dachte, meine Mutter würde das freuen.

Bei ihm gab es auch im Laden viel zu lesen. Das war noch eine von den Drogerien mit Wänden voller Holzschubladen und auf jeder ein Emailleschild mit fremdartigen Namen.

Manchmal fand ich in der Schublade, in der mein Vater Kruschtelkram aufbewahrte, einen Sexroman. Den habe ich dann natürlich auch verschlungen, ich meine jetzt geistig, da war ich aber schon ein bisschen älter. Irgendwann habe ich den Armen dann scheinheilig, wie ich damals manchmal sein konnte, damit konfrontiert, was er heimlich für Sachen liest. Er hat es einfach abgestritten.

Bei meinem Geburtstag in diesem Jahr erzählte mir mein Bruder zu fortgeschrittener Runde, dass er die Bücher damals in der Schublade versteckt hatte. Lieber Vati, ich hoffe, Du hörst meine Abbitte.

Vergessen hatte ich
, dass bei Onkel Werner eigentlich nie Licht angemacht wurde. Wenn es dunkel wurde, ging man ins Bett. Ich musste aber einfach nachts weiterlesen. Einfach war das nicht, weil die Zimmertür eine kleine Milchglasscheibe hatte, durch die das Licht durchschimmerte. Also das Nachttischlämpchen abgeschirmt oder ins Bett gestellt, dass es vom Nachttisch verdeckt wurde (in dem natürlich noch ein Nachttopf stand, was jetzt aber nichts zur Sache tut).

Zwei Bücher konnte ich nur mit Mühe lesen
. Ich glaube, ich habe sie gar nicht zu Ende gelesen: „Onkel Toms Hütte“, wo ich zum ersten Mal von Sklaven las und furchtbar fand, wie man die Neger behandelte (damals durfte man noch arglos „Neger“ sagen, das war etwas ganz anderes als „Nigger“)war das eine, das andere war „Oliver Twist“. Dem armen Jungen ging es noch viel schlimmer als mir und das war manchmal schon schlimm genug.

Einmal kam „Aunt Emily“ zu Besuch
. Aunt Emily kam aus Amerika, war eine reiche, alte Dame aus einem im 19. Jahrhundert ausgewanderten Zweig unserer Familie. Nach ihrer Rückkehr bekam ich Monat für Monat den „Readers Digest“ in der deutschen Fassung zugeschickt, ein Sammelsurium von Geschichten. Herrlich.

Noch herrlicher war das „Neue Universum“,
ein dickes Buch, das es jedes jahr neu gab mit einer Mischung von spannenden Geschichten, Bildern aus Afrika und sonstwo und interessanten Zukunftsvisionen. Das Jahr „2000“ stand damals für „soweit weg, dass man sich noch gar nicht vorstellen kann, wie es dann sein wird“. Ich fand das sehr merkwürdig, als ich damals nachrechnete, dass ich das Jahr 2000 vielleicht einmal erleben würde, aber als ganz alter Mann, fast 50.

Und als wir in der Schule „1984“ gelesen haben, stand 1984 auch noch für eine ferne Zukunft.

3 Kommentare

  1. Oh, „Das Beste aus Readers‘ Digest“ kenne ich auch! Die wurden in der Familie hin- und hergeschenkt, mit Geschenkabos meine ich, und jedes Jahr war ein anderes Familienmitglied Schenkender und ein anderes Beschenkter. Damit wurde der Sondertarif für Neuabonnenten ausgenutzt. :DD

    Onkel Toms Hütte habe ich, glaube ich, nie gelesen. Dafür aber den „Nigger von Scharhörn“ – selbst dieses Wort ist da nicht negativ besetzt, wenn ich mich richtig erinnere!
    1984 las bei uns die Oberstufe, im Jahr 1984. Da war ich in der 6. Klasse. Wenig später allerdings bekam ich „Schöne neue Welt“ in die Finger, und das hat mich deutlich geprägt – hoffentlich habe ich es besser verstanden als Dr. Schäuble…

    Dickens habe ich erst als Erwachsener entdeckt, nachdem wir in der Schule – ich war schon Student, aber Aushilfsbratscher im Schulorchester – eine Musicalversion von Oliver Twist gegeben hatten. Für Unterstufenschüler eine sehr tiefgründige Inszenierung!

    Manchmal findet man selbst in Jugendbüchern sehr „proletarische“ Ausdrücke und Umschreibungen. Ich erinnere mich nicht mehr an das Gesicht, wohl aber an die Stimmung, als ich – wohl etwa sechsjährig – meiner Mutter und den Damen ihres politischen Zirkels verkündete, sie möchten mich doch bitte entschuldigen, ich müßte eine Stange Wasser in die Ecke stellen. ❗ Steht auch nicht in meinem Artikel, aber deine Camelia hat mich dran erinnert.

    • Den Ausdruck habe ich aus einem Zeltlager mit nach Hause gebracht und benutze ihn jetzt noch manchmal, wenn ich im Wald halt mal eine Stange Wasser in die Ecke stellen muss.
      Meine Liebste findet ihn nicht sehr witzig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.